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Februar 2021

Das Geheimnis von Chopper – nach 39 Jahren gelüftet

in Artikel

Mit Geistern fängt man Menschen! So war das im Februar 1982. Das Chopper-Fieber wurde zum Medienhype. Ausgelöst von mir und der Abendzeitung. Das Geständnis.

Um den Chopper-Wahn zu verstehen, ein Schwenk in die damalige Medienlandschaft, genauer zur Markenpositionierung der Münchner AZ: Parallel zum Aufstieg der Stadt hatte sich die Zeitung zum relevanten Meinungsführer entwickelt.

Wilde Zeiten in München: Das Verfahren wurde später gegen Geldauflage eingestellt

Das Reich von Franz Josef Strauß hatte magische Anziehungskraft. München mit seinen fünf Tageszeitungen war die Glitzer-Hauptstadt – und die AZ die Queen of Boulevard. Es galt: Nur wer reinkommt, ist drin. Kein RTL (kam erst 1984), kein Internet. Dafür Michael Graeter („Baby Schimmerlos“), Sigi Sommer (Blasius) und viele andere Top-Journalisten.

Boulevard-Story weißblau: Ein USP der Abendzeitung, damals

Ich war 27, Polizeireporter und wie die anderen Jung-Kollegen Andreas Petzold (später Stern-Chef) und Frank Plasberg („Hart aber fair“) täglich schwer am Ranschaffen. Meine Spezialität, die sogenannten Räuberpistolen aus meinem bayerischen Info-Netzwerk: Dackeltragödien, Schlägereien unter Totengräbern, Ärger mit Lederhosen, etc.

Februar 1982: die damals 17jährige Claudia mit AZ-Reporter Peter Ehm

Am 11. Februar 1982 meldete mein Kollege Günter Schießl (die Woche, Regensburg) mal wieder eine solche Soft-Story. Ich war hin und weg. Am anderen Tag meldete die AZ: „Wissenschaftler ratlos: Geisterstimme verfolgt Zahnarzt! Seit elf Monaten Psychoterror – Polizei ermittelt.“

Alle Fotos exklusiv bei der AZ

Ein Zahnarzt, 55, seine Patienten, die 17jährige Helferin und die Zahnarztfrau waren immer wieder von einer unheimlichen Geisterstimme beschimpft worden. Die passenden Fotos hatten wir von Horst Hanske (die Woche) – exklusiv.

Gleich in der Nacht meldeten sich telefonisch Leser mit einer Erklärung für das Phänomen. Das Echo war jedenfalls riesig. Die anderen Münchner Zeitungen hatten meine Geschichte „übernommen“.  Nun galt es den Vorsprung zu halten. Das Ergebnis war die Headline vom Montag, 14.2.82: „Geist gab sich zu erkennen: Mein Name ist Chopper!“

Start frei für einen internationalen Medienhype: Der Geist hat einen Namen

Was ich damals nicht wusste: Chopper ist ein recht zwielichtiger, geheimnisvoller Begriff. Er gilt u.a. für Geköpfte, die irgendwie nicht zur Ruhe kommen können. Er bezeichnet aber auch Hightech-Hubschrauber und Motorräder.

Chopper oder Tschopperl?

Den Geisternamen hatte mir Claudia am Telefon verraten. So hatte ich sie jedenfalls verstanden. Chopper, englisch, Easy-Rider und so. Erst viel später merkte ich, dass die 17jährige Helferin den Begriff wahrscheinlich gar nicht kannte. Sie war zwar schlagfertig und antwortete auf meine Frage nach dem Namen. Aber vermutlich nannte sie nicht das englische Wort, sondern den phonetischen Zwillingsbegriff und der heißt Tschopperl. So nennt man im Regensburger Outback einen Tollpatsch.

Jeden Tag frische Geister-News: Egal ob Nachrichtensperre oder nicht

Egal, ich berichtete ab besagtem Montag jeden Tag von der immer größeren Chopper-Front: Highttech-Fans gegen Psi-Apostel. Die Post gegen Chopper. Die Landespolizei gegen die Kripo. Dazu die AZ-Leser mit immer neuen Theorien. Der AZ-Tagesverkauf stieg um bis zu 50.000 Exemplare (normale Auflage 250.000, Wochenende 320.000).

Der Geist aufm Anrufbeantworter: Da brach in München das Telefonnetz zusammen

Bestseller Chopper. Spiegel, Stern, alle Tageszeitungen, Fernsehen, Radio, die BBC, die amerikanische Newsweek, die Times of India – die ganze Welt war im Bann von Geist aus der Zahnarztpraxis. Eine AZ-Telefonaktion mit der Geisterstimme auf Anrufbeantworter ließ das Münchner Telefonnetz zusammenbrechen.  Eindringlichst bat uns die Post um sofortige Abschaltung – nach 15 Minuten Laufzeit. Nur Thomas Gottschalk bekam den Sound vom Tonband fürs Radio.

Gruseliges Ende nach 29 Tagen

29 Tage lang dauerte der Spuk. Bis zum 9. Marz 1982. Als Chopper-Stimmen wurden nämlich der Zahnarzt selbst, seine Frau und Claudia entlarvt. Kein Hightech, keine Außerirdischen. Die Auflösung der XXL-Geisterstunde war medial enttäuschend. Kein Märchen-Happyend.

Kann ein Geist ewig leben?

Stand heute: Das Ehepaar ist verstorben, Claudia spurlos verschwunden. Doch Chopper spukt immer noch durch die Köpfe. Der Hamburger Romeo Grünfelder will einen Film über das Phänomen produzieren. Die Zeitschrift MUH will den Chopper in der kommenden Ausgabe nochmal aufleben lassen. Happy birthday zum 39.

Bleibt die Frage, ob ein solches Medienspektakel heute, nach 39 Jahren, noch einmal möglich wäre? Wie bitte? Unmöglich? Vorsicht! Nicht zu früh abwinken. Lesen Sie in der nächsten Ausgabe von headline1.de 5 Gründe, warum sich ein solcher Hype jederzeit wiederkommen kann…

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